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Mord statt Sexspiel - Rätsel um Tod eines Steuerberaters
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Kiel/Bad Segeberg Mord statt Sexspiel - Rätsel um Tod eines Steuerberaters

Tod durch Messerstiche statt sexuelles Erlebnis: Ein Steuerberater lässt sich in Bad Segeberg von einer Prostituierten fesseln. Dann holt sie ein Messer und ersticht den Mann. Das Kieler Landgericht sucht nun nach dem Motiv.

Ein Justizbeamter mit Schutzweste steht am 21.04.2017 hinter der Angeklagten Franziska K. vor Beginn des ersten Prozesstages im Gerichtssaal im Landgericht in Kiel (Schleswig-Holstein). Die 28-jährige muss sich wegen heimtückischen Mordes vor dem Kieler Landgericht verantworten.

Quelle: Christian Charisius/dpa

Kiel/Bad Segeberg. Die Prostituierte, die heimtückisch ihren Freier ermordete. So geht – stark verkürzt – die Geschichte von Franziska K. bislang. Zumindest wirft ihr das die Staatsanwaltschaft vor. Und es gibt tatsächlich keinen Zweifel daran, dass sie es war, die am Abend des 12. Oktober 2016 in Bad Segeberg den 30 Jahre älteren Horst S. mit einem Küchenmesser tötete, als der, mit verbunden Augen und Krawatten an sein Bett gefesselt, eigentlich Sex erwartet hatte. Die Wahrheit könnte jedoch komplizierter sein, wie gestern am ersten Tag im Mordprozess gegen die aus Görlitz stammende Frau deutlich wurde.

Blick wie unsicherer Teenager

Franziska K. wirkt kaum wie eine Erwachsene. In sich zusammengekauert, fast ein wenig apathisch, hockt sie neben ihrem Verteidiger Kai Dupré auf der Anklagebank, kritzelt mit einem Kugelschreiber in ein Ringbuch. Nur selten richtet sich der Blick der 28-Jährigen in den Saal. Es sind die tieftraurigen Augen und der Habitus eines verunsicherten Teenagers.

Von ihr zu hören ist am ersten Prozesstag nichts. K. werde keine Angaben zu ihrer Person oder zur Sache machen, erklärt Verteidiger Dupré – „vorerst jedenfalls nicht“, schränkt er ein. Der Grund bleibt zunächst unklar. Wie der Anwalt in einer Verhandlungspause jedoch betont, bestreite seine Mandantin nicht, für den Tod des 58-jährigen Heinz S. verantwortlich zu sein.

Um zu rekonstruieren, was am Abend des 12. Oktober in der Maisonettewohnung in der Kurhausstraße passierte, kann sich die 8. Strafkammer unter Richter Jörg Brommann zunächst nur auf die Aussagen zweier Polizeibeamter und einer Ärztin stützen, denen gegenüber K. nach ihrer Verhaftung Angaben gemacht hatte. Danach hatte Heinz S. die junge Frau vier, fünf Monate vor seinem brutalen Tod auf einer Internet-Plattform für sexuelle Dienstleistungen angeschrieben. In der Folge sei es zwei oder drei Mal pro Monat zu Treffen gekommen. Stets habe S. sie in Bad Oldesloe abgeholt und man sei in dessen Wohnung gefahren, habe den Abend und die Nacht zusammen verbracht, sich unterhalten, Sekt getrunken, Sex gehabt. In ihrer Vernehmung hatte K. das eine „Affäre“ genannt. Jedes Treffen sei aber mit 250 Euro vergolten worden, die der Steuerberater stets auf einem Regal bereitgelegt hatte.

All das habe Franziska K. freimütig und aufgeräumt erzählt, sagt der zuständige Kripo-Beamte vor Gericht aus. „Als das Gespräch dann aber auf die Tat kam, gab es einen Bruch, da sagte sie, sie habe keine Erinnerungen“, so der Ermittler. Sie sei erst wieder zu sich gekommen, als S. auf ihr lag und sie gewürgt habe. „Da hatte ich ihn wohl mit dem Messer erwischt“, soll sie dazu gesagt haben.

S. war es noch gelungen, den Notruf zu wählen. Nach zwei Messerstichen in Hals und Bauch verblutete er aber im Flur, bevor die Hilfe eintraf. K. wurde noch in der Wohnung festgenommen und zunächst zur Untersuchung in das Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster gebracht.

In Anwesenheit einer Ärztin und eines Polizisten habe sie – gefesselt auf einer Krankenliege – über den „Mistkerl“ gesprochen, erinnern sich beide im Prozess. Sie habe wissen wollen, „ob er auch tot“

sei. Damit habe sie „die Welt besser gemacht“. Angeblich, so der Polizist, habe S. 8000 Euro von ihr verlangt, die sie durch Anschaffen verdienen sollte. Andernfalls wolle S. sie „an seine Freunde verkaufen“, soll K. damals gesagt haben. Das habe sie nicht mehr ertragen können. „Ich muss sagen, mir hat sie leid getan, als sie da so lag“, sagt der junge Beamte gestern aus.

Kein böses Wort

Dieses vermeintliche Geständnis steht in Widerspruch zu den Whats App-Nachrichten, die sich S. und K. im Laufe der Zeit geschickt hatten. „Es waren umfangreiche Gespräche über alles mögliche“, so der Beamte, der die Handys der beiden ausgewertet hatte. „Aber es gab darin nie auch nur ein böses Wort zwischen den beiden.“

Möglicherweise ist der Grund für die tödlichen Stiche deshalb in der Psyche von Franziska K. zu finden. Ihre beiden Schwestern, 22 und 29, beschreiben sie gestern als einen „fröhlichen, gutmütigen, fleißigen und klugen Menschen“. Es habe aber „Phasen“ gegeben, in denen sie wie jemand anderes gewesen sei. „Wenn sie Alkohol getrunken hatte, konnte sich hochaggressiv sein, da hat man sie nicht mehr erkannt.“ Ebenso wie ihre alleinerziehende Mutter habe sie auch unter depressiven Episoden gelitten, eine Ausbildung zur Diätassistentin deshalb abbrechen müssen. „Einmal hatte sie den Verdacht geäußert, sie könne schizophren sei. Und mein Eindruck war das mitunter auch“, sagt die ältere Schwester. Tatsächlich hatte sich K. gegenüber dem Vernehmungsbeamten ähnlich geäußert: „Sie sagte mir, in ihr steckten eigentlich zwei Personen. Die andere tue, was sich die eine nie trauen würde.“

Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.

Oliver Vogt

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